Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.06.12; Präses Nikolaus Schneider

Freunde, dass der Mandelzweig (eg 65)

Sprecherin: „Aber muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?“1

Autor: Dieser Satz, liebe Hörerin, lieber Hörer, wird dem jüdischen Schriftsteller und Religionsphilosophen Schalom Ben-Chorin zugeschrieben. Er hat 1942 angesichts der Verbrechen und Schrecken des Zweiten Weltkrieges ein Lied gegen alle Hoffnungslosigkeit gedichtet:

Musik 1 (instrumental)

Sprecherin: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“

Autor: Dieses Lied wurde von dem Pfarrer Fritz Baltruweit vertont und fand Aufnahme in unser evangelisches Gesangbuch. Es soll uns heute in den Tag geleiten.

Musik 2
1. Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
2. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.

Autor: In einer der „trübsten Zeiten“ für Jüdinnen und Juden dichtete Schalom Ben-Chorin dieses Lied einer unzerstörbaren Dennoch-Hoffnung. Wer aber war Schalom Ben-Chorin?

Als Fritz Rosenthal wurde er am 20. Juli 1913 in München geboren. Er wuchs in einer nicht besonders religiös interessierten jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Weil er sich mit seinen Eltern überwarf, zog er mit 15 Jahren in die streng religiöse Familie seines Freundes. Und lernte so beides kennen: die verweltlichte Religiosität seiner Eltern und die ritualisierte Strenggläubigkeit der Eltern seines Freundes. Auf dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Erfahrungen wurde ihm klar: Ich will mich im jüdischen Glauben verwurzeln und beheimaten. Aber ich brauche einen „dritten Weg“ zwischen den beiden Polen Verweltlichung und Strenggläubigkeit. Fritz Rosenthal begann Germanistik, Theaterwissenschaften, vergleichende Religionswissenschaften und christliche Theologie zu studieren. Das Nazi-Regime setzte dem ein Ende: Noch vor Abschluss seines Studiums musste er als Jude die Universität verlassen, wurde dreimal verhaftet und einmal auf einer Polizeistation von den Nationalsozialisten schwer misshandelt. Daraufhin floh er 1935 nach Palästina und ließ sich in Jerusalem nieder.

Von nun an nannte sich Fritz Rosenthal Schalom Ben-Chorin. Das bedeutet: „Friede, Sohn der Freiheit“.  Der neue Name war Programm. Schalom Ben-Chorin suchte in der Aufbruchszeit des neuen Staates Israel nach einem Judentum, das sich von verkrusteten Strukturen der Tradition befreite. Er warb für ein Israel als Heimat zweier Völker: der Araber und der Juden, weil Abraham ja der gemeinsame Stammvater sei.

Schon 1956 reiste Ben-Chorin wieder nach Deutschland und wurde zu einer „Stimme der Versöhnung“. Auf seine Initiative hin gründete sich 1961 die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.  

Musik 1 (instrumental)

 Sprecherin: „Aber muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?“

Autor: Schalom Ben-Chorin war in den Augen vieler Menschen mehr als ein bisschen verrückt. In friedlosen Zeiten nennt er sich „Friede“ und kämpft für Versöhnung. Obwohl er verhaftet und misshandelt wurde, obwohl er aus Deutschland fliehen musste, nennt er sich „Sohn der Freiheit“ und kämpft für die Freiheitsrechte der Araber in seinem Land. Das unbeschreibliche Leiden und Sterben seiner jüdischen Glaubensgeschwister vor Augen gibt er den Glauben an Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes nicht preis.

Schalom Ben-Chorin dichtete in hoffnungslosen Zeiten dieses Lied vom blühenden Mandelzweig, das Lied von der unzerstörbaren Dennoch-Hoffnung – dass die Liebe bleibt.

Musik 2
1. Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
3. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.

Autor: Täglich erreichen auch uns heute aufschreckende Meldungen und verstörende Bilder aus aller Welt: von Krieg und Terror in Afghanistan, von brutalen Anschlägen und Racheakten in Israel und Palästina, von nicht abflauender Gewalt in Syrien, von verhungernden Kindern in Afrika…

Und wir sehen und erleben es in unserem eigenen Land: Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Eigennutz und Gier nach immer mehr beeinträchtigen das solidarische Zusammenleben…

Und auch in unserem ganz privaten Alltag erleben und erleiden wir, dass „eine Welt vergeht“: wenn uns Menschen, die wir lieb haben, plötzlich sterben; wenn wir ausgegrenzt und abgeschoben werden; wenn Gott auf unser inständiges Beten und Bitten nicht zu antworten scheint.

Auch wir heute müssen wohl „ein bisschen verrückt sein“, wenn wir unsere Hoffnungen und unser Gottvertrauen behalten wollen.

Musik 2
4. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.

Autor: Das Hoffnungs-Bild vom blühenden Mandelzweig - Schalom Ben-Chorin fand es mitten in der Verzweiflung um die Verfolgung und Ermordung seiner jüdischen Geschwister in Europa. Da machte ihm ein blühender Mandelbaum im Nachbargarten vor seinem Fenster in Jerusalem Hoffnung. So wie tausende Jahre vor ihm dem Propheten Jeremia:

Sprecherin: „Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.“(Jeremia 1,11f)

Autor: Der erblühende Zweig – ein Fingerzeig Gottes. Ein Hinweis darauf, dass Gott zu seinem Wort steht. Dass uns ein neuer Himmel und eine neue Erde verheißen sind, in denen es den Krieg und den Tod nicht mehr geben wird.

Jesus Christus lehrte uns noch andere Fingerzeige Gottes in der Natur zu erkennen: Im Weizenkorn zum Beispiel, das in der Erde erstirbt und eben in diesem Sterben seine vielfältige Frucht bringt. Ein Fingerzeig für den Sinn des  Kreuzestodes Jesu (vgl. Johannes 12,24f). Sein Tod ist nicht das Ende. Es  siegt das Leben.

Wir Menschen brauchen Gottes Zeichen in unserem Alltag. Gerade und besonders dann, wenn uns eine Welt untergeht. Dann winkt uns der Mandelzweig zu: Mensch, sieh hin! Das Leben siegt nicht durch Gegengewalt und größere Macht, sondern wie ein „Blütensieg, der leicht im Winde weht.“

Musik 2
1. Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
2. Dass das Leben nicht verging,  soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
3. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
4. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.

1 Schalom Ben-Chorin, zitiert von Andrea Schneider, Das Wort zum Sonntag vom 28. April 2001

Musikinformationen:
Musik 1
CD-Name:  Du meine Seele singe - Gitarrenmusik
Track-Nr.:  6
Text:   Schalom Ben-Chorin
Melodie:  Fritz Baltruweit
Bearbeitung:  Reinhard Börner
Verlag:  Hänssler Verlag

Musik 2
CD-Name: Der Himmel geht über allen auf – 50 Jahre Kirchentagslieder von 1949-1999
Track-Nr.:  18
Chor:   Studiochor
Leitung:  Johannes Nitsch
Verlag:  Ev. Medienhaus GmbH


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